23 | 09 | 2017

Letztens auf der Hochzeit:

Ich habe den Auftrag die Hochzeit zu filmen. Mit einer Kamera ist der komplett aufgenommene Gottesdienst jedoch sehr monoton, langweilig und einschläfernd. Immer die selbe Perspektive, begleitet von unmotivierten Zooms, unsinnigen und lieblosen Schwenks und penetrantes 'draufhalten' auf den armen Pastor. Was tun, um solch einen Film trotzdem gelingen zu lassen?

Der Einsatz von 2 Kameras.

Mit einer Kamera halte ich das Haupt-Geschehen als Totale fest, also das Brautpaar und den Pastor mit Blick auf einen Teil der Hochzeitsgäste. Die Kamera steht dabei unverrückbar auf einem Stativ. Die zweite Kamera fängt Details auf, z.B. die Besucher, das Brautpaar im Großformat, den Pastor aus einer anderen Perspektive, Blumen, witzige Schnappschüsse wie gähnende Kinder. Mit dieser Kamera bin ich beweglich, kann mich in der Kirche bewegen. Doch auch diese Kamera steht bei den Aufnahmen fest auf einem Stativ, denn nur dann werden die Aufnahmen auch professionell und brauchbar.

Beide Kameras laufen ununterbrochen, damit später beim Schnitt beide Filme leicht synchronisiert werden können. Der Ton darf nur von einer Kamera stammen und zwar von der ersten, die ja nah beim Hauptgeschehen positioniert ist. Schwankungen in der Aufnahmequalität werden so vermieden. Auch kann die Anordnung der Kameras leicht variiert werden. Es ist jedoch darauf zu achten, dass immer eine Kamera brauchbares Material liefert. So hatte ich z.B. nicht bedacht, dass beim Auszug des Brautpaares die Hochzeitsgäste aufstanden und den Blick auf das Brautpaar für die erste Kamera verdeckten. Mit meiner zweiten Kamera war ich zu diesem Zeitpunkt nicht an einem geeigneten Standpunkt um den Auszug festhalten zu können. Doch unter den Aufnahmen, die mit der zweiten Kamera gemacht wurden, findet sich bestimmt entsprechendes Füllmaterial. Zwischenschnitte nennen das die Filmer und davon kann man fast nie genug haben.

Das gilt selbstverständlich auch für die Aufnahmen, die vor und nach der Trauung in der Kirche draußen gemacht werden. Auch hier braucht man Zwischenschnitte.

Wie geht man nun vor?

Tipp 1:

Nehmen Sie min.10 Minuten lang 'Füllmaterial' auf; die Kirche von außen, die sich unterhaltenden Gäste, Blumen in der Umgebung, das Brautfahrzeug, usw.

Tipp2:

Stellen Sie eine Kamera für eine Totaleinstellung in geeigneter Position auf. Diese Position sollte nicht durch umherlaufende Leute verstellt werden und eine gute Sicht auf die Front bieten. Lassen Sie die Kamera non stop durchlaufen. Gelegendliches Verändern der Einstellung ist erlaubt, solange der Ton durch umherstellen des Statives nicht in Mitleidenschaft gezogen wird und später Knack- oder Bewegungsgeräusche hörbar werden.

Kameraposition 1: steht auf Stativ

 

Kameraposition 2: bedient durch Kameramann

Beide Bilder wurden zur selben Zeit aufgenommen. In diesem Fall recht ungünstige Aufnahmen, da erstens die Kameras sichtbar werden und zweitens ein sogenannter Achsensprung vorliegt. In der einen Aufnahme steht das Brautpaar links, im nächsten Schnitt rechts. Solche Einstellungen müssen unbedingt durch Zwischenschnitte vermieden werden, um den Zuschauer nicht zu verwirren.

Bei solchen Handlungen kann man meiner Meinung nicht wählerisch sein. Zum einen hat man nur einen Versuch, zum anderen bieten Kirchen im allgemeinen nicht die tollsten Einstellmöglichkeiten.(Wenigstens bin ich somit auch einmal im Bild...)

Tipp 3:

Die 'Haupt'Kamera führen Sie nun mit sich herum. Lassen Sie die Aufnahme auch von Anfang bis Ende durchlaufen! Auch beim suchen von neuen Einstellungen! Fangen Sie schöne Szenen des Publikums ein. Lassen Sie jede Szene ca 20 sek. stehen und gehen erst dann zur nächsten Einstellung über. Nehmen Sie die Predigt aus wechselnden Perspektiven auf. So entsteht der Eindruck, dass es noch mehr Kameras geben könnte. Auch hier haben Sie die Möglichkeit, 'Füllmaterial' für misslungene Aufnahmen zu erhaschen.

Die Synchronisation

Laden Sie Ihr Videomaterial auf Ihren Computer. Ziehen Sie sich Ihr 'Totalematerial' in Ihre Timeline. Trennen Sie die Tonspur von der Bildspur. Einige Videobearbeitungsprogramme können diesen Schritt leider nicht...

Ziehen Sie jetzt Ihr Video der zweiten Kamera auf die nächste Spur, so dass die Filme untereinander stehen würden. Blenden Sie (falls nicht standardmäßig eingestellt) die Audiokurven ein, um die Aufnahmepegel jedes Videos sehen zu können. Suchen Sie sich eine markante Stelle, in der z.B. ein Besucher hustet oder ein Lied anfängt. Vergrößern Sie den Timelineauschnitt an dieser Stelle, notieren Sie sich die Zeit auf der Timeline und finden Sie die selbe Stelle auf dem zweiten Film. Dabei kann das Geräusch auch in einem 'Müllstück' vorkommen, auf der Tonspur muss das Geräusch jedoch zu hören sein. Ziehen Sie das Geräusch zu der Timelineposition, die Sie sich notiert haben und versuchen Sie die beiden Ausschläge der Filme zeitlich übereinander zu legen. Wenn Sie das hinbekommen haben und den Film abspielen, müssten Sie beide Tonspuren beider Filme synchron hören, es darf kein Hall wahrzunehmen sein. Probieren Sie es aus, indem Sie eine Tonspur stummschalten und somit die richtige Position erkennen können.

Einfügen von 2 Videos untereinander in die Timeline

Übereinanderlegen der 2 Spuren anhand des Ausschlages des Tonmaterials

Der Schnitt

Jetzt wird es kniffelig. Sie müssen unbedingt darauf achten, dass Sie die Filme ab jetzt nicht mehr zueinander verschieben, denn dann sind sie nicht mehr synchron. Prinzipiell benötigen Sie die Tonspur der zweiten Kamera nicht mehr, denn in dieser Tonspur haben Sie Knackgeräusche vom aufsetzen des Stativs oder unterschiedliche Qualitäten des Tonmaterials, da Sie sich ja im Raum bewegen.

Die Tonspur ist nun Ihr Bezugsmaterial, die Tonspur wird nicht geschnitten! Es sei denn, Sie möchten eine komplette Sequenz entfernen. Sie schneiden jetzt Ihr brauchbares Material zusammen. Nehmen Sie sich zum Anfang einige Sekunden aus dem ersten Film. Wenn Sie jetzt einen Schnittpunkt definiert haben, schneiden Sie beide Filme an derselben Stelle. Lassen Sie die Tonspur unberührt. Sehen Sie sich jetzt die Szene des zweiten Films an, bis zu der Stelle, an der Sie wieder zum ersten Film wechseln möchten. Schneiden Sie an dieser Position wieder beide Filme. Löschen Sie nun den Teil des ersten Filmes, den Sie nicht haben wollten und ziehen Sie den zweiten Film auf die erste Spur. Löschen Sie auch den Anfang des zweiten Films, da Sie sich an dieser Stelle für eine Szene des ersten Films entschieden haben. So fahren Sie nun immer weiter fort, bis Sie den gesamten Film geschnitten haben. Falls einiges an Material von beiden Kameras unbrauchbar ist, bauen Sie Ihr Füllmaterial ein.

Auf diese Weise bekommen Sie einen interessanten Film über eine scheinbar monotone Handlung hin.

Entfernen der Tonspur des 2. Videos. Schneiden von beiden Videospuren und verschieben in eine Timeline

 

Autor: K. Schirmacher